Archiv für den Monat Dezember 2014

Berlin: Am Taufbecken der Gentrification – Kirche im Aufwertungsgebiet

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Weihnachten ist ja für viele die Zeit der Besinnlichkeit. Da werden Kindheitserinnerung aufgerufen und Geschichten von früher erzählt und manch eine/n zieht es sogar in die Kirche. Während die letzten Trinker vom Helmholtzplatz verdrängt werden sollen, werden auch in diesem Jahr die Weihnachtsandachten in den Kirchen von Prenzlauer Berg und Mitte gut besucht sein. Das war nicht immer so und die Kirchgemeinden scheinen mir ein bisher unterschätzter Indikator der Sozialgeschichte von Stadtteilen zu sein.

Neben den Schulen und der Polizei dürften die Kirchen in den Aufwertungsgebiten von Prenzlauer Berg und Mitte eine der wenigen Instituitionen sein, die den Wandel der Nachbarschaft kontinuierlich begleitet haben und die veränderte Zusammensetzung der Bewohnerschaft spiegeln. So wie wir in den Schulen mehr Gymnasialempfehlungen erwarten können und bei der Polizei ein verändertes Anzeigeverhalten untersuchen könnten, geben uns auch die Kirchgemeinden einen tiefen Einblick in die Nachbarschaft.

Eine kürzlich bei Facebook gepostete Taufliste jedenfalls liest sich…

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Platzhaus soll Platz machen

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Eines der letzten Oasen von nachbarschaftlicher Begegnung und ehrenamtlichen Engagement im Helmholtzkiez soll, nach dem Willen vom grünen Stadtrat Kirchner, von der Bildfläche verschwinden. Die Aktiven haben jetzt eine Gnadenfrist ihrer Kündigung bis Juni 2015 erhalten, nachdem sie massiv protestiert haben. Die soziale Säuberungswelle muss hier etwas an Tempo rausnehmen.

Dass Kirchner es im Allgemeinen nicht so mit Bürgerbeteiligung hat, haben wir im Thälmannpark zu hauf erlebt. Ihm und seinem Bezirksamt ist der Bürgerwille nur lästige Dekoration zur Legitimation seines Tuns als gewählter Politiker.

Um die ihn zu verantortenden Bezirke und Areale weiter zu homogenisieren und sie von lästigen Randgruppen zu befreien, würde Kirchner auch die letzten Reste von solidarischem, urbanen und buntem Lebens des alten Prenzlauer Berges tilgen und der grün-kapitalistischen Kommerzwüste, wie bisher, zuschlagen. Schon jetzt wirken die Stätten des bürgerlichen Engagements wie Fremdkörper in der Welt der Wohlstandsmutanten. Pro Kiez im Bötzowviertel, Leute am Teute oder der Kiezladen in der Dunckerstraße sind ständig mehr oder weniger gefährdet und ihre Existenz wirkt oft nur wie geduldet.

Nun kann man ja den Reichen und Zugezogenen ihre Lebensart nicht vorwerfen. Nicht ihre Designerläden, Goumetsrestaurants, ihre Ballettschulen und Bioläden. Auch nicht ihre rigorose Landnahme, ihre arrogante Vereinahmung, ihr provozierender Habitus oder ihre Rücksichtslosigkeit, sowie ihre völlige Ignoranz von unkommerziellen Projekten. Solidarität und Empatie, Durchmischung und alternative Lebensentwürfe ist dieser Hedonistenkaste völlig fremd. Man kann ihr das aber nicht vorwerfen.

Die Politik hat diese elitäre und sozialdarwinistische Verdrängung flankiert und forciert. Wir haben das Ergebnis einer völlig verfehlten Stadtentwicklungspolitik und eines hemmungslosen Immobilienwahns jetzt in unserem fast vollständig sozial gereinigten Kiezen vorzufinden. Unkommerziell organisierte Häuser als Ausdruck von Selbstermächtigung mündiger Bürger, wie das Platzhaus im Helmholtzkiez es ist, stellen in dieser Bonbonwelt nur eine Gefahr da. Und sie sind nicht auf Verwertbarkeit abgeklopft.

Man kann den Akteuren vom Helmholtzplatz nur einen langen Atem, viel Kraft und Kreativität wünschen, um gegen diesen vermeintlichen Automatismus der Verdrängung anzukämpfen und um wenigstens für eine ganze Weile der Stadt und dem Kiez das Zwischenmenschliche zu erhalten. (RW)

Wowereits Nachfolger will demokratische Entscheidungen aushebeln

Michael Müller, der noch Stadtentwicklungssenator und kommender Regierender Bürgermeister, will die Bürgerentscheidung auf Bezirksebene mit einem Taschenspielertrick aushebeln. Er will die „Felderbebauung (des Buckower Feldes) als gesamtstädtisch bedeutsam erklären“ und damit die Planungen an sich ziehen. Damit wären die Bezirke raus, der Senat kann eine Bebauung bestimmen und damit das Bürgerbegehren umgehen. Das könnte eine Signalwirkung auch für andere strittige Bauvorhaben werden. Genau so könnte auch Olympia in Berlin ohne Bürgerbeteiligung durchgezogen werden.

Details zu diesem schmutzigen Deal gibt es im Tagesspiegel.

Olympia in Berlin: Parallelwelten

NOlympia BerlinDer Senat will unbedingt die Olympischen Sommerspiele nach Berlin holen. Dazu werden  die Berliner auf eine sehr eigenwillige Art und Weise befragt. Zugelassen sind nämlich ausschließlich Pro-Olympia-Argumente. Tja, der Senat und die lästigen Bürger*innen…

Nun hat der RBB auch eine Umfrage gestartet, um aufzuzeigen, wie es um das Zustimmungsklima zu Olympia in der Hauptstadt wirklich bestellt ist.

“Was meinen Sie, sollte Berlin sich für die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 bewerben?“

15% sagen: Ja, auf jeden Fall!

19% sagen: Ja, aber nur wenn die Bürger vorher dazu befragt werden und dem mehrheitlich zustimmen!

66% sagen: Nein – bloß nicht!“ Quelle

Der Berliner Landessportbundchef Klaus Böger kann sich hingegen für Olympia begeistern, blendet die wahren Bedürfnisse der Stadt und ihrer Bewohner fast völlig aus. Ihm geht es um prestigegewaltige Sportprojekte.

Nun bewerben sich, laut DOSB, Berlin und Hamburg für die Olympischen Spiele 2024. Wie wollen gerade diese Städte dieses Mammutprojekt stemmen, wenn sie nicht mal einen Flughafen bzw. ein Opernhaus errichten können, muss man sich mindestens in diesem Zusammenhang mal fragen. Der Senat hat dem DOSB jedenfalls seine Sicht der Dinge beschrieben.

Die Opposition aus Grünen, Piraten und LINKEN wollen, als Ausdruck der gerade in diesem Fall benötigten direkten Demokratie eine breite Bürgerbeteiligung. Das könnte eine Volksbefragung oder ein fakultatives Parlamentsreferendum sein. Die Bürger sollten mitbestimmen und mitgestalten können.

Das Bündnis NOlympia, das u.a. von der Grünen Liga und dem BUND getragen wird, stellt indes auf ihrer Seite die Argumente zusammen, die gegen eine Olympiabewerbung Berlins sprechen. Unter dem Motto: „Mehr BROT statt SPIELE! – nachhaltige Stadtentwicklung statt vier Wochen Megaevent“ haben sie dem DOSB die relevanten Fragen für eine Nicht-Bewerbung beantwortet.

Auch interessant: Groß, größer, Größenwahn  Bitte Seiten 1, 4 und 5 lesen.

Mit zwölffacher Lichtgeschwindigkeit durch den Thälmann-Park

Die Planeten. (G. Holst) 1995 70X15 Meter

Die Planeten. (G. Holst) 1995 70X15 Meter

Eine Initiative in Prenzlauer Berg wehrt sich gegen Investorenpläne

Von Simon Dreier

Der Ernst-Thälmann- und der Anton-Saefkow-Park in Prenzlauer Berg sind Erholungsräume für Jung und Alt. Ihre Grünflächen laden zum Spazierengehen und Spielen ein. Diese Idylle könnte bald gestört werden. Geht es nach dem Willen von Christian Gerome, sollen am Rand des denkmalgeschützten Areals Thälmann-Park sowie auf dem Gelände des Güterbahnhofs Greifswalder Straße und des Zementwerkes, die beide an den Anton-Saefkow-Park grenzen, Wohnhäuser entstehen.

Der Immobilienhändler hat bereits einige Flächen und die Brücke über die Greifswalder Straße gekauft. Gegen seine Pläne setzt sich die Anwohner-Initiative Ernst-Thälmann-Park zur Wehr. Als sie im Dezember 2012 in der Gaststätte „Gaslaterne“ gegründet wurde, ging es ihr vor allem darum, die Bewohner der Häuser im Thälmann-Park vor Kostensteigerungen zu bewahren, die aufgrund einer energetischen Sanierung durch den Vermieter, die GEWOBAG, drohten. Außerdem wünschte sich die Initiative, dass sich der Bezirk Pankow mehr um die Grünflächen kümmere.

Heute kämpft die Initiative gegen die Bebauungspläne von Investor Gerome. Sie befürchtet, dass dieser Luxus-Hochhäuser für reiche Leute bauen und die Wohnungen darin teuer verkaufen will. Die Initiative möchte die Flächen dagegen für Kultur-, Bildungs- und Erholungszwecke erhalten. Vor allem sollen die Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche verbessert werden.

Davon sollen auch die Bewohner der dicht besiedelten angrenzenden Stadtteile profitieren. „Der Thälmann-Park gehört allen, nicht nur denen, die dort wohnen. Wir sind das Zentrum von Prenzlauer Berg,“ sagt Markus Seng von der Anwohner-Initiative und wünscht sich, dass sich viele Menschen an den Planungen für die Zukunft des Thälmann-Parks beteiligen.

Der 50jährige stammt aus dem Schwarzwald. Er hat einen Doktortitel in Physik und interessiert sich für Astronomie. Er könnte sich vorstellen, dass ein maßstabsgetreuer Planetenpfad vom Planetarium bis zum Anton-Saefkow-Park angelegt wird, „so dass man das Sonnensystem in zwölffacher Lichtgeschwindigkeit durchwandern kann.“

Bis es soweit kommt, muss die Anwohner-Initiative allerdings noch die Bezirksverordnetenversammlung umstimmen. Diese hat im Oktober mit den Stimmen von SPD, CDU und Grünen Schritte beschlossen, die die Pläne des Investors voranbringen sollen. Ein Gegenantrag der Initiative wurde abgelehnt.

Davon lässt sich die Initiative aber nicht entmutigen. Sie sammelt Unterschriften für einen neuen Antrag. Außerdem strebt sie einen Bürgerentscheid an. Der wäre zwar nicht bindend, würde aber ein klares politisches Signal aussenden. Getragen wird die Initiative auch von der Erinnerung an frühere Proteste am selben Ort: Als 1981 das Gaswerk, das auf dem Areal des heutigen Thälmann-Parks stand, stillgelegt wurde, kämpften Anwohner zusammen mit der Kunsthochschule Weißensee gegen den Abriss der Gasometer. Was damals scheiterte – der Widerstand gegen ein Vorhaben „von oben“ – möchte die Initiative heute zum Erfolg führen.