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Spielt nicht mit den Schmuddelkindern!

Es ist schon bedauernswert, wie sich Investoren und deren Interessenvertreter Wohnungsbau in Berlin so grundsätzlich vorstellen. Bedauernswert vor allen Dingen für die Neumieter oder -eigentümer. Das hat sowenig mit Stadtgestaltung, mit urbanen Leben und Durchmischung zu tun, wie ein Goldhamster mit Kochen. Es sind augenfällig ästhetische und architektonische, aber auch gestalterische Gründe, so dass ich den armen Reichen, also zukünftigen Bewohner neuer Stadtquartiere mein ganzes Mitleid gönne.

Am Beispiel Thälmannpark kann man es sehr gut erklären. Der Stararchitekt, der den Prenzlauer Bogen verzapft hat, nannte die dem Gebäudekomplex gegenüberstehenden Plattenbauten aus der DDR-Zeit noch hämisch Legebatterien. Immerhin sind die Zonenwohnkammern jetzt unter Denkmalschutz gestellt worden und haben damit eine langersehnte Wertschätzung unter reflektierten Architekten und Historikern erfahren.

Dagegen steht das weiße Gebäude, das so akribisch umzäunt und konsequent überwacht wird, wie ein Kathedrale der Angst da. Wo paranoide Bewohner*innen sich kaum raustrauen, um ihren hochgezüchteten Hund im Park auszuführen, entwickelt sich ein eigenes Ghetto, dass in seiner Begrenztheit wirkliche Lebensqualität massiv einschränkt. Das Mantra „Bloß nicht in Kontakt kommen mit den Unterschichten! Bloß keine Durchmischung!“ zeigt, wie armselig es unter Vermögenden zugehen kann.

Die Kinder kleben sehnsüchtig an den Zäunen, da sie neidisch auf die Altersgenossen vom angrenzenden Kindergarten oder auf den Spielplätzen der Platte sind, die so laut und frei ihrem Spieldrang nachgehen. Doch Mutti hat bestimmt eine Standortüberschreitung verboten. So bleibt es traurig und ohne Spielkameraden auf gestutzten Rasen liegen.

Das alles ist gewollt, von Investoren, beauftragten Architekten und den potenziellen Kunden. Das System ist bereits so konditioniert, dass als Wohnneubauten ganz grauenhafte oberirdische Bunker entstanden sind, die auf Sicherheit mehr Wert legen, als auf echtes und offenes Wohnen. Wie der Prenzlauer Bogen eher als Sanatorium des BND daherkommt, wirkt der ELLA-Neubau als eine römische Festung im gallischen Dorf.

Wenige Wohnungen haben hier Licht, weil man die gewaltige Baumasse zwischen Krankenhaus und Platte gequetscht hat. Große Mauern an den Eingängen zeugen von der großen Angst vor unangenehmer Berührung mit der Stadt und ihren Menschen. Das Monstrum wirkt so anorganisch in dieses Gebiet gepflanzt, dass man gespannt sein kann, wie sich die Neu-Thälmannpark-Bewohner*innen sich ihre Freiräume erkämpfen. Den armen Reichen wird hier ein Denkmal gesetzt, was zwar nicht schützenswert, aber auch mit ganz viel Geld nicht aufzuwiegen ist. Diese Kapitalanlage hätte man sich getrost sparen können.

Wenn die regierenden Parteien im Land und im Bezirk nach Wohnungsbau in Berlin schreien, kann ich mir nicht vorstellen, dass das so mit schlechtem Geschmack, unsozialer Ausrichtung und soziologisch völlig unreif flankiert werden soll. Denn abgesehen von den Mietpreisen, der halt viele Menschen von vorne rein ausgrenzt, hat diese Art Wohnungsneubau auch eine menschenunwürdige und ghettoisierende Komponente für die betroffenen Mieter und Eigentümer. Schon allein aus ästhetischen Gründen ist so den Immobilienheinis Stadtplanung nicht zu überlassen. (RW)